| S.: Was und
wann war Ihr erster Kontakt mit "Neuer Vokalmusik"? Wer oder was hat Sie
beeinflußt oder herangeführt? |
A.: Am Anfang war der Kontakt
mit »Neuer Musik«
durch Klaviernoten, die mein Vater kurz nach Ende des 2. Weltkriegs in einem
Musikalienladen fand. Es war allerdings noch eine etwas »völkisch« angehauchte Komposition, nur mit vielen
für mich Klavierschülerin fremden Noten. Im vokalen Bereich musste ich noch
warten, bis ich 1956 im Chor des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart als
Altistin angestellt wurde. Hier begann ein stetiges Kennen lernen der
Chorliteratur, die während der nationalsozialistischen Diktatur unterdrückt
oder gar verboten war. Dazu gehörten Werke von Hindemith, Krenek, Distler
und vielen anderen, von ausländischen Komponisten nicht zu reden. Die hatte
man nicht einmal dem Namen nach gekannt. |
| S.: Wie sah
Ihre Gesangsausbildung, auch im Bezug auf "Neue Musik" aus? |
A.: Frau Hedwig Kuhn-Cantz
(1898-1965), meine Gesangslehrerin in Stuttgart, war als Sopranistin in den
20er Jahren des 20. Jahrhunderts Mitglied der »Holleschen
Madrigalvereinigung«,
einem Doppelquartett, das in den ersten
Donaueschinger »Tagen für Neue Musik«
sich für die ersten Neutöner einsetzte und international tätig war. Von ihr
konnte ich erfahren, was Offenheit gegenüber der Entwicklung aller Kunst
ist. |
| S.: Mit
welchem Stück und wann war Ihr erster öffentlicher Auftritt im Bereich
"Neuer Vokalmusik"? |
A.: Als Mitglied der
»Schola Cantorum Stuttgart«
(1960-1990) unter Clytus Gottwald war ich bereits einiges gewohnt. Hier
mussten die 16 Sänger ihre Partien solistisch bewältigen - eine neuartige
Anforderung im Ensemble. Die Werke von Dieter Schnebel sind da
hervorzuheben. »Solo for voice 1« von John Cage, in
der Bearbeitung von Gottwald, war so um 1965 meine erste größere Aufgabe.
Mit Helmut Lachenmann erarbeitete ich 1968 sein
»temA«.
Die geforderten Effekte konnten mich nicht mehr schrecken, aber sie waren
für mich, wie auch den Flötisten Gerhard Braun und den Cellisten Werner
Taube wieder ganz neu und irrre. Helmut Lachenmann schildert im Beiwort zu
meiner CD
»stimme
- flöte – cello«,
welche Auswirkung auf seine spätere Arbeitsweise der Umgang mit diesem
Material hatte. |
| S.: Wie hat
das Publikum reagiert? |
A.: Beim Deutschen Musikfest
1970 in Hannover gab es Tumult. Es wurden Luftballone in die Luft geworfen,
es wurde laut im Saal, der 500 (sic) Hörer fasste, Zwischenrufe forderten
ein Aufhören, andere Zwischenrufe forderten Ruhe. Diether de la Motte stand
auf und verlangte im Interesse des Teiles des Publikums, der zuhören wollte,
dass die Ruhestörer den Saal verlassen sollten. Merkwürdigerweise bekam ich
oben auf der Bühne keine Angst. Ich war von der Qualität des
temA voll überzeugt. Es wurde
tatsächlich wieder ruhig und wir konnten das Stück zu Ende führen. Der
Erfolg war groß, eine spontane Einladung zur Biennale Zagreb und spätere
Einladungen an unser
»
Stuttgarter Ensemble für Neue Musik« rankten sich
nicht zuletzt um temA. |
| S.: Machen
Sie ausschließlich "Neue Musik"? Wenn ja, wann und warum haben Sie sich so
entschieden? Vermissen Sie die "Alte Musik"? Wenn nein, wie sieht Ihr
Betätigungsfeld im Bereich traditioneller Musik aus? Ergänzen sich beide
oder behindern sie sich gegenseitig? |
A.: Ich müsste keine Musikerin
sein, wollte ich mich nur auf die
»Neue Musik« festnageln lassen. Nein, von
Kind an mit den verschiedensten Arten von Musik berieselt und beschäftigt
gewesen, liebe ich die Musik als solche. Es interessieren mich alle Stile.
Ich singe sie heute noch, soweit sie meinem Stimmcharakter entsprechen.
Neben den vielen Möglichkeiten, welche Musik vom Mittelalter bis heute im
geistlichen und profanen Bereich bietet scheue ich mich nicht, auch mal
triviale Schlager zu intonieren, wie sie in die
dadaistischen
Programme unseres Ensembles »EXVOCO« eingebaut sind. Um auf Ihre Fragen ganz
einzugehen möchte ich sagen, dass sich Alte oder Neue Musik nicht zu
ergänzen brauchen. Alle Musik ist für mich Eines. |
| S.: Schadet
neue Musik der Stimme? Welche Techniken könnten unerfahrenen Stimmen
schaden? Wie verhindern Sie dies bei Ihren Schülern und bei sich selbst? |
A.: In der Ausübung
zeitgenössischer Musik liegen einige Vorteile, die den Sängern zugute kommen
können. Zum Beispiel werden in vielen Werken die Grenzen des
Stimmumfangs der traditionell festgelegten
Stimmlagen gesprengt. Es gibt keine einseitigen Dauerlagen, die
Gesangsorgane können entsprechend der Tonbewegungen bei häufig wechselnden
Intervallsprüngen elastisch bleiben. Verspannungen, wie sie oft beim Gesang
der klassischen Literatur zu beobachten sind, treten nicht so leicht auf.
Verspannungen sind es, die der Stimme schaden. Also wird die richtige
physiologische Einstellung zum Singen zur Voraussetzung zum Gelingen - ob
alte oder neue Komposition. Kurzzeitige Anwendung nicht-belcantistischer
Laute, also auch von geräuschhaften Aktionen, führt nicht zum Stimmschaden,
wenn mit derselben Sorgfalt gearbeitet wird, wie zum Schöngesang, d.h. wenn
das Zusammenspiel von Stützen und bewusstem Einsetzen
der Artikulationsorgane stimmt. Über
manche Schwierigkeit des Notentextes dürfen die Regeln der Stimmführung
nicht vergessen werden. Einer getrennten Methode zur Erlernung der Gesangstechnik bedarf es nicht, da sich die
Unterweisung darin grundlegend an den physischen Bedürfnissen des
Gesangsinstrumentes orientiert. Es versteht sich von selbst, dass ein Lehrer
die Verantwortung nur insoweit übernehmen kann, als sich der Schüler seiner
Kontrolle nicht entzieht solange er noch nicht selbständig arbeiten kann.
Ich selbst setze meine Stimme seit über 40 Jahren noch heute auf der Bühne
künstlerisch ein, obwohl sie doch im verfremdeten Stil reichlich beschäftigt
wurde und wird. |
| S.: Ist die
klassische Belcanto-Ausbildung eine Grundvoraussetzung, erfreuliche
Dreingabe oder eher unwichtig für das stimmliche Erfassen zeitgenössischen
Werken? Welche Rolle spielt dabei die angestrebte ästhetische Wirkung des
Stückes? |
A.: Diese Frage ist in ihrem
stimmtechnischen Teil bereits beantwortet. Mit zunehmender Erfahrung mit
verschiedenen Werken der neuen Literatur wird sich der Sänger auch das
Erkennen deren stilistischen Kriterien aneignen und dadurch die für eine
adäquate Interpretation notwendige Vorbereitung treffen. Mittelalterliche
Musik oder romantische Lieder müssen ja auch anders als Operngesang
eingestellt werden. |
| S.: Soll/muss/darf
neue Musik "schön" sein? |
A.: Jegliche Musik soll/muss
(nicht)/kann einen Nerv beim Hörer treffen. Welchen sie trifft hängt von der
Situation ab, in welcher der Adressat sich gerade befindet. Hat sich ein
Hörer noch nie mit Musik unserer Zeit beschäftigt, wird er vielleicht
erschrecken und sie »hässlich« finden. Damit tut er aber der Musik unrecht.
Wie jedes Kunstwerk ist ein heutiges Musikstück (wir sprechen von der so
genannten E(rnsten)-Musik) das Ergebnis einer intensiven geistigen Arbeit,
bestenfalls aus der Reflexion der vorausgegangenen geschichtlichen
Entwicklung entstanden. Der Komponist arbeitet von seiner Jetztzeit aus. Was
er schreibt ist sein Produkt, sein persönlicher Ausdruck. Aber einen
Mozart von 1998 gibt es halt nicht. Der Hörer sollte - auch bei
traditioneller Musik - nachvollziehend mitdenken. |
| S.: Woraus
besteht Ihr "eigenkreatives Hinzutun" in der Ausführung neuer Vokalmusik? |
A.: Wie klassische Musik gemacht
werden soll, weiß »man«. Neue Stücke erarbeitet man leichter zusammen mit
dem Autor. Hier ist der Eigenanteil in Form von Stimmcharakter und
Temperament angeboten. Schwieriger wird die Sache bei Werken unserer Zeit,
die man noch nie gehört hat. Grundsätzlich gilt, die Stücke so korrekt
wiederzugeben, wie sie auf dem Papier stehen. Die persönliche künstlerische
Potenz wird den richtigen Ton treffen. Nur bei so genannten "Konzepten"
oder "Improvisationsvorlagen" ist das
eigene Hinzutun gefragt. Zu all dem gehört ein Fundus an stimmlichen
Variationsideen, man muss sich selbst kennen. |
| S.: Worin
liegen die Hauptschwierigkeiten bei der Notation? Kann man die Partituren
mit dem inneren Ohr zu selten hören? |
A.: Es gibt inzwischen für
gewisse Artikulationen einige Standardsymbole, die nicht zur konventionellen
Nomenklatur gehören. Bei der Vielzahl der heute sehr unterschiedlichen
Komponierweisen entstanden auch viele neue individuelle Zeichen. Im Seminar
»Vokalmusik des 20. Jahrhunderts«
an der Stuttgarter Musikhochschule lernt man vieles davon kennen. Zur
Fähigkeit inneren Hörens der Partituren gehört wohl die Kenntnis vieler
Vorlagen (nicht nur vom Sehen, sondern auch vom selbst Aufführen). Aber
zugegeben, auch dann ist es nicht selbstverständlich. |
| S.: Wie viel
Freiheit bei der Ausführung lassen Ihnen die jeweiligen Komponisten? |
A.: Die Faktur einer Komposition
bedingt die Bindung an den Notentext oder zeigt eine Möglichkeit der
freieren Behandlung an. Nicht alle Komponisten bestehen auf der punktgenauen
Ausführung. Im Dialog mit ihnen sind manchmal Änderungen in der Partitur
zwecks Ausführbarkeit für den Stimmumfang des Sängers, oder sonstige
Verbesserungen und Erleichterungen möglich. Andere Autoren aber verstehen
möglicherweise eine nicht korrekte Ausführung als persönliche Beleidigung.
|
| S.: Oft sind
die Komponisten bei der Erarbeitung ihrer Werke anwesend oder beteiligt.
Welche Erfahrungen haben Sie mit ihnen gemacht? |
A.: In einem frühen
Probenstadium anwesende Komponisten sind manchmal sehr willkommen (wenn die
Partitur schwer zu enträtseln ist; s. Lachenmann), können aber auch störend
wirken, wenn man als Interpret die Sache noch nicht vorführreif im Griff
hat. Die Mentalität der Beteiligten entscheidet über das Arbeitsklima. Ich
kann mich keiner unguten Situation erinnern. (Lediglich Luciano Berio verbot
einmal die Aufführung seiner »Circles«,
weil die beiden Schlagzeuger glaubten, die Noten »irgendwie«
spielen zu dürfen.) Es kann vorkommen, dass der Komponist eine andere
Klangvorstellung seines Stückes hat, als die Realisierung auch bei korrekter
Wiedergabe ergibt. Mag sein, dass das am Interpreten liegt, es kann aber
auch tatsächlich an der überraschenden Wirkung des Stückes selber liegen. |
| S.: Berichten
Sie von Ihrer Uraufführung des Stückes "temA" von Helmut Lachenmann am 19.
Februar 1969. |
A.: Offen gestanden, kann ich
mich an die Situation bei der Uraufführung von »temA«
in der Stuttgarter Musikhochschule, 401, nicht mehr erinnern. Für mich war
es bestimmt ein tolles Erlebnis, weil wir drei Interpreten (mit Braun und
Taube) uns in das initiierte
»Konzertieren« ohne 32tel-strenge
rhythmische Diktatur gut eingearbeitet hatten und das Publikum überzeugen
konnten. |
| S.: Wie
beurteilen Sie das Stück hinsichtlich Wirkung, Atmosphäre, Machbarkeit? |
A.: Wie schon früher gesagt,
hatte das 14-Minuten-Werk nachhaltige Einladungen zu vielen Aufführungen
erfahren. Lachenmann zählte deren 100 mit der Erstbesetzung. Ich führte es
später mit anderen Ensembles auf, die das gedruckte Material entweder
akademisch notengetreu spielten - dadurch verlor es seine ganze
Stringenz -, oder im anderen Fall mit größtmöglicher
Annäherung und doch mit der von Lachenmann gewünschten freien gegenseitigen
Zuspielung der sich ablösenden Elemente von Instrument zu Instrument. Hier
fühlte ich mich wieder wohl. Nach nun so vielen Jahren ist es zwar noch
nicht Pflichtstück im Studium geworden, aber ich meine, dass »temA«
öfter gemacht werden kann und sollte. Drei gute »Musikanten«
gehören dazu, Gefahr für die Stimme gibt es nicht (lediglich der Cellist
bangt um sein Instrument). Es kommt gut
»rüber«, sobald man keine Angst um
die Stimme hat und sich elementar ausdrückt. |
| S.: Gab es
zusätzlich mündliche Anweisungen vom Komponisten zu den gedruckten
(besonders zum Text)? |
A.: Ich bedauere sehr, dass aus
der gedruckten Vorlage nicht hervorgeht, wie frei eigentlich der Ablauf des
Stückes gedacht ist. Wichtig ist, wie oben gesagt, dass sich die Drei
gewissermaßen die Bälle zuwerfen. Die Angabe » = ca. 60«
gibt das Grundtempo an. Dann beginnt eigentlich ein Spiel mit den Klängen,
die man mit dem Atem erzeugen kann, wobei die Instrumente die Atemgeräusche
und jeweils das Instrument des Anderen imitieren. Vorhandene Textfragmente
haben keine inhaltliche Bedeutung. Sie sollen unter Überbetonung der
konsonantischen Anteile dem Atemstoß Richtung und Struktur geben. Die »Musik«
besteht aus Röcheln, Pfeifen, Schnarchen, Erschrecken, Schnellsprechen, nur
Schnaufen, Knarren und, und, und. |
| S.: Inwieweit
besteht die Möglichkeit, sich emotionell in den Text hineinzuversetzen? Wie
wichtig ist der Text? |
A.: Siehe oben. |
| S.: Sehen Sie
ganz prinzipielle Unterschiede zwischen den Stimmbehandlungen bei Hespos,
Berio und Lachenmann? |
A.: Hespos »Palimpsest«:
Er gebraucht Text/Worte im semantischen Sinn mit dessen Ausdruck, oft
brutal - dadurch stimmlich anstrengend, kurzzeitig evt. gefährlich;
Berio
»Sequenza III«: Er
permutiert seine Wortsilben, um dadurch
Virtuosität herzustellen und der Sängerin Gelegenheit zur
Selbstdarstellung zu geben;
Lachenmann »temA«: Vom
»Ton«
befreite
»Ausstöße« oder
»Einzüge« des
Atems werden zur kompositorischen Struktur, sind seine Klänge oder
Musik. |
| S.: Wie sieht
der "Vokalmusiktrend" für die Zukunft Ihrer Meinung nach aus? |
A.: Die große Zeit der
Experimente mit der Stimme ist vorbei, Elektronik bestimmt dieses Spiel
heute. Wir können mit etwas seltener eingesetzten Geräusch- Effekten, dafür
mit etwas mehr Stimmklang in den neuen Kompositionen rechnen. Das heißt
nicht, dass wir zu gefälligen Melodien zurückkommen. Der Schwierigkeitsgrad
von Tonhöhenverläufen und Rhythmus bleibt weiterhin hoch. Den Sängern, die
sich Chancen auf dem Musikmarkt erhoffen, ist Beschäftigung mit diesem
Metier dringend anzuraten. |